Die Sicht eines Nachwuchskaderspieler

Eddy Ramirez, Spieler Blue-White Eagles Zürich, Neo-Kaderspieler Swiss Quadrugby

Ein lauter Knall erfüllt die Turnhalle in der Sportanlage Fronwald. Es ist nicht der erste und es wird auch nicht der letzte sein. Die Spieler rasen von mit viel Geschick und Geschwindigkeit hin und her, während ich an der Seitenlinie zuschaue. Das ist also Rollstuhl-Rugby! Ich war einige Tage davor auf der Suche nach einem Rollstuhlsport, den ich gerne ausüben wollte. Ich habe seit einigen Monaten damit angefangen meine Kondition durch regelmässige Touren durch die Stadt Zürich aufzubauen und war auf der Suche nach etwas neuem. Auf der Homepage des RCZ finde ich einen Abschnitt über das Rugby und bin neugierig.

 

Als ich den Blue-White Eagles beim trainieren zuschaue, wird mir klar: Das will ich machen! Eine Woche später sitze ich das erste Mal selber in einem Rugby-Stuhl. Das ist nun sechs Jahre her.

Verantwortlich für meine Cerebral-Parese ist meine Frühgeburt um drei Monate. Durch Sauer-stoffmangel stirbt ein Teil meines Hirnes ab. Dies zeigt sich später darin, dass ich meine Arme und Beine nicht ganz durchstrecken kann, sowie Koordinationsschwierig-keiten in Stresssituati-onen habe.

In meinen ersten zwei Kadertrainings habe ich enorm viel lernen können. Das Niveau ist sehr hoch: Die Pässe kommen genauer, die Bewegungsabläufe auf dem Feld sind automatisierter und alle sind voll und ganz bei der Sache. Wir bringen uns gegenseitig an unsere Grenzen und darüber hinaus. Der Wille als eine Einheit über sich hinauszu-wachsen ist während dem ganzen Wochenende der rote Faden.

Das Konditionstraining war sehr eindrücklich. Wie oben erwähnt mache ich meine eigene Version davon, aber ich hatte noch nie ein dediziertes Training um meine Kondition aufzubauen. Be-sonders gefallen haben mir das 20 bzw. 40 Meter Sprinten mit Stoppuhr und die Übung in der wir acht Minuten lang, ohne Unterbruch und abwech-selnd in schnellem Tempo und Vollgas, in der Halle gefahren sind.

 

Den Theorie-Teil am Abend war für mich beim ersten Kader-Training etwas zu abstrakt. Beim zweiten jedoch, konnte ich den einzelnen Positionen viel einfacher die Gesichter der einzelnen Spieler zuordnen.

Was das Spiel selbst betrifft, so hat mir das Kadertraining zu einem besseren Verständnis meiner Rolle auf dem Feld enorm geholfen. Die Fähigkeit unseres Coaches sich in uns einzelne Spieler hineinzuversetzen, während er das Gesamtbild auf dem Feld nie aus den Augen verliert, hat mich sehr beeindruckt. Noch nie zuvor habe ich mich so intensiv mit den Stärken und Schwächen meines Körpers befassen können und ich finde es extrem spannend.

Als ich am Montag ins Büro rolle, habe ich überall Muskelkater. Ich bin zufrieden mit meiner Leistung und dankbar für diese wertvolle Erfahrung. Obwohl der Muskelkater noch die nächsten zwei Tage andauern wird, erfüllt mich ein Gefühl von tiefer innerer Ausgeglichenheit. Bald holt mich der altägliche Trott wieder ein. Doch in ruhigen Momenten denke ich wieder an das Knallen der Rugbystühle und kann mir dabei ein Lächeln nicht verkneifen.

Text: Eddy Ramirez

on 24 Mai 2013